Zögerliche Banken riskieren Milliardenverluste an neue Zahlungsdienstleister

Capgemini-Studie beziffert Ertragsrisiko für Banken im Zahlungsverkehr auf 230 Milliarden Dollar. Stablecoins und tokenisierte Einlagen fordern das Firmenkundengeschäft heraus.

Harry Dörsam

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Harry Dörsam

Veröffentlicht am

24.9.26

um

9:19

Uhr

Zögerliche Banken riskieren Milliardenverluste an neue Zahlungsdienstleister

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Capgemini | Fotograf: Thomas Koschel

Im globalen Zahlungsverkehr kündigt sich eine tektonische Verschiebung der Ertragsströme an, die das traditionelle Transaktionsgeschäft der Kreditinstitute empfindlich trifft. Laut dem aktuellen World Payments Report des Capgemini Research Institute droht der Bankenbranche weltweit der Verlust von bis zu 230 Milliarden US-Dollar an Zahlungsverkehrserträgen. Der Grund liegt in der zunehmenden Marktreife programmierbarer Geldformen: Stablecoins, tokenisierte Bankeinlagen und digitale Zentralbankwährungen (CBDCs) dürften bis zum Jahr 2030 voraussichtlich vier Prozent des weltweiten Zahlungsvolumens auf sich vereinen. Für etablierte Geldhäuser steht damit ausgerechnet jenes Geschäft im Feuer, das über Jahrzehnte als verlässlicher Renditebringer galt – von Devisenmargen über das Korrespondenzbankwesen bis hin zu Transaktionsgebühren und Zinserträgen aus gebundenen Firmenguthaben.

Träge Abwicklungszeiten öffnen die Flanke für FinTechs und Krypto-Akteure

Die wachsende Offenheit der Realwirtschaft gegenüber alternativen Transaktionskanälen ist nicht zuletzt hausgemacht. Zwar erklären 60 Prozent der Institute, dass die Modernisierung von Firmenkundenzahlungen bei ihren Investitionen ganz oben auf der Agenda steht, die Realität in den Chefetagen der Unternehmen sieht jedoch ernüchternd aus: Nur jeder dritte Unternehmenskunde zeigt sich mit seiner Kernbank zufrieden. Drei Viertel der weltweit befragten Großunternehmen beklagen, dass grenzüberschreitende Zahlungen weiterhin langsam, kostspielig und schwer planbar seien.

Im Schnitt dauert die vollständige Abwicklung einer internationalen Zahlung noch immer rund dreieinhalb Tage und schlägt mit Kosten von durchschnittlich zwei Prozent des Transaktionswerts zu Buche. Zudem fehlt mehr als der Hälfte der Betriebe der Echtzeitzugriff auf Status- und Liquiditätsdaten. Die Geduld der Finanzchefs schwindet entsprechend: Zwar wickeln 71 Prozent ihre tokenisierten Zahlungen bei vergleichbaren Konditionen weiterhin am liebsten über eine klassische Bank ab, doch fast 60 Prozent der Unternehmen zeigen sich mittlerweile bereit, Stablecoin-Dienste von Nichtbanken zu beziehen, sollten die traditionellen Institute nicht zügig nachliefern. Dass alternative Dienstleister bereits heute 36 Prozent des B2B-Volumens abwickeln, verdeutlicht die reale Abwanderungsbewegung.

Vier Billionen Dollar in zinsarmen Parkpositionen wecken Effizienzdrang

Ein starker ökonomischer Treiber des Wandels verbirgt sich im Liquiditätsmanagement. Weltweit sind derzeit rund vier Billionen US-Dollar auf klassischen Abwicklungs- und Liquiditätskonten blockiert, um die Risiken langwieriger internationaler Zahlungsströme abzufedern. Dieses gebundene Kapital wirft kaum Erträge ab und steht produktiven Zwecken wie Investitionen oder der Kreditvergabe nicht zur Verfügung. Automatisierte, rund um die Uhr verfügbare Zahlungskonzepte auf Basis von Smart Contracts könnten diese gigantischen Summen freisetzen.

Florian Forst, Global Head of Payment Services bei Capgemini Invent, sieht die Branche an einer historischen Wegscheide:

"Die Zahlungsbranche erlebt derzeit den größten Umbruch seit dem Aufkommen des digitalen Bankings. Die wirtschaftlichen Auswirkungen und die Transaktionsvolumina von intelligentem Geld werden derzeit so groß, dass Banken die neuen Instrumente nicht mehr ignorieren können. Sie müssen sich entscheiden, welche Rolle sie in diesem entstehenden Ökosystem einnehmen wollen – es geht um Erträge von 230 Milliarden US-Dollar. Einzelne Banken haben diese Entscheidung bereits getroffen und gestalten heute die Standards und Governance-Strukturen, die den Markt künftig prägen werden. Wer jetzt handelt, kann dauerhaftes Vertrauen aufbauen, neue Zahlungsströme erschließen und die Unternehmensguthaben sichern, die die Grundlage weitergehender Kundenbeziehungen bilden."

Tokenisierte Einlagen als bilanzschonende Brücke mit Umsetzungsschwächen

Um den Verlust ganzer Einlagenblöcke an unregulierte Dritte zu verhindern, gilt das Augenmerk der Banken primär tokenisierten Einlagen. Im Gegensatz zu externen Stablecoins verbleiben diese Guthaben direkt in den Bilanzen der Institute und bewegen sich in vertrauten aufsichtsrechtlichen Bahnen. Allerdings klafft zwischen der strategischen Erkenntnis und der operativen Umsetzung eine erhebliche Lücke: Bislang skalieren lediglich 21 Prozent der befragten Banken aktiv entsprechende Instrumente. Der breite Rest verharrt weiterhin in der Sondierungsphase oder begnügt sich mit unverbindlichen Pilotprojekten.

Diese Trägheit der Masse verschafft den wenigen Vorreiterbanken einen Vorsprung. Diese Institute erschließen dreimal häufiger neue Einnahmequellen jenseits reiner Überweisungsgebühren und gleichen schrumpfende Margen im Schnitt innerhalb von 15 Monaten wieder aus, während Nachzügler dafür mehr als zwei Jahre veranschlagen.

Regulatorische Hürden treffen auf akuten Fachkräftemangel

Gleichzeitig verzeiht das neue Ökosystem keine operativen Fehler. Da Transaktionen mit programmierbaren Währungen nach ihrer Ausführung technisch unwiderruflich sind, müssen Geldwäsche- und Compliance-Prüfungen zwingend in Echtzeit erfolgen, bevor der Geldtransfer überhaupt angestoßen wird. Führende Institute investieren daher überproportional in KI-gestützte Überwachungssysteme zur Kontrolle auffälliger Transaktionen und Wallets.

Doch selbst die Vorreiter kämpfen mit internen Bremsen: Nur knapp 56 Prozent dieser Gruppe verfügen nach eigenem Eingeständnis über die nötigen personellen und technologischen Fähigkeiten, um komplexe Smart-Contract-Strukturen und Netzwerk-Interoperabilitäten dauerhaft zu beherrschen. Gelingt es den etablierten Instituten nicht, diese fachlichen Defizite zeitnah abzubauen, droht ihnen im Zahlungsverkehr der Zukunft das Schicksal reiner Infrastrukturbereitsteller, während die margenstarken Schichten des Transaktionsgeschäfts endgültig an agilere Wettbewerber abwandern.

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