Generationaler Wandel und Digitalisierung: Deutschlands Gründerlandschaft im Umbruch

Der KfW-Gründungsmonitor 2025 belegt eine Verjüngung der Gründerlandschaft und einen Rekord bei digitalen Angeboten. Für Banken steigen die Anforderungen an digitale Exzellenz bei der Kreditprüfung und im Firmenkunden-Onboarding.

Anja Amend

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Anja Amend

Veröffentlicht am

19.5.26

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15:13

Uhr

Generationaler Wandel und Digitalisierung: Deutschlands Gründerlandschaft im Umbruch

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KfW

Die deutsche Startup- und Startup-Nachfolgeszene erlebt eine tiefgreifende strukturelle Transformation. Wie aus dem aktuellen KfW-Gründungsmonitor hervorgeht, den Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher in Frankfurt vorstellte, sank das Durchschnittsalter der Gründerinnen und Gründer im Jahr 2025 leicht auf 34,2 Jahre. Getragen wird dieser Trend maßgeblich von der Generation der Unter-30-Jährigen, die inzwischen einen Anteil von konstant 40 Prozent am gesamten Gründungsgeschehen ausmacht. Mehr als ein Fünftel dieser jungen Generation wagte den Schritt in die Selbstständigkeit sogar direkt aus dem Studium heraus.

Die repräsentative Untersuchung, für die rund 50.000 Interviews geführt wurden, zeigt zudem, dass der theoretische Gründergeist bei den Jüngeren mit 36 Prozent Präferenz für die Selbstständigkeit im Vergleich zu älteren Kohorten am stärksten ausgeprägt ist. Allerdings offenbart der langfristige Vergleich eine strukturelle Schwäche: Anfang der Nullerjahre zog noch die Hälfte der unter 30-Jährigen eine Selbstständigkeit dem Angestelltenverhältnis vor. Der Mangel an realen Vorbildern im direkten Umfeld dämpft die Gründungsneigung in der Breite, auch wenn medienpräsentative Start-up-Unternehmer und Influencer digitale Rollenvorbilder liefern.

Diesen Zwiespalt zwischen medialer Wahrnehmung und realer Gründungsbereitschaft ordnet Dr. Dirk Schumacher wie folgt ein:

"Wir sehen zwei gegenläufige Trends. Einerseits nehmen vor allem viele junge Menschen über die Medien erfolgreiche Gründer wahr, seien es Start-up-Unternehmer oder Influencer, die als Rollenvorbilder für eine Selbstständigkeit dienen. Andererseits wird in Deutschland im Vergleich zu früher viel weniger gegründet. Dadurch kommen die Menschen auch seltener mit Selbstständigen in Kontakt, Rollenvorbilder im direkten Umfeld fehlen."

Nebenerwerb und Digitalisierung als treibende Kräfte

Insgesamt ist die Gründungstätigkeit in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Die Gesamtzahl der Gründerinnen und Gründer kletterte auf rund 690.000, nach 585.000 im Vorjahr. Dieser Zuwachs ist jedoch fast ausschließlich auf das Segment der Nebenerwerbsgründungen zurückzuführen, das von 382.000 auf 483.000 Gründungen hochschoss. Die Zahl der Vollerwerbsgründungen verharre mit 206.000 nahezu unverändert auf dem Niveau des Vorjahres. Seit der Jahrtausendwende (2002: ca. 1,5 Millionen) ist die Zahl jedoch drastisch gesunken, was auch dem lange Zeit herrschenden robusten Arbeitsmarkt geschuldet war.

Zwei klare strukturelle Trends prägen die aktuelle Gründerwelle: Internationalität und digitale Geschäftsmodelle. Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte machten im Jahr 2025 stolze 34 Prozent aller Gründer aus und sind damit gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung überproportional aktiv. Gleichzeitig erreichte die Digitalisierung der neugegründeten Unternehmen einen historischen Höchststand: Bei 44 Prozent aller Existenzgründungen basierte das Geschäftsmodell direkt auf digitalen Angeboten, was einen deutlichen Sprung im Vergleich zum Vorjahr (36 Prozent) bedeutet.

Weniger positiv entwickelte sich der Anteil der weiblichen Gründer, der leicht auf 35 Prozent sank. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang im Vollerwerb, wo der Frauenanteil von 33 Prozent auf 27 Prozent einbrach. Hinsichtlich der Gründungsform dominieren mit 86 Prozent weiterhin klassische Neugründungen, während Firmenübernahmen mit 14 Prozent selten bleiben – obwohl der Mittelstand angesichts eines Durchschnittsalters der Inhaber von über 54 Jahren händeringend Nachfolger sucht.

Implikationen für Kreditinstitute: Digitale Exzellenz wird zum Überlebensfaktor

Diese tiefgreifenden Verschiebungen in der Gründerdemografie und den Geschäftsmodellen verändern die Anforderungen an die deutsche Bankenlandschaft fundamental. Das klassische Firmenkundengeschäft, das oft noch von persönlichen Terminen, physischen Dokumentenabrechnungen und langwierigen Prüfprozessen geprägt ist, stößt bei der neuen Gründergeneration an seine Grenzen. Banken müssen sich darauf einstellen, dass digitale Exzellenz im Wettbewerb um die Unternehmer von morgen zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal wird.

Wandel der Kundenerwartung durch die „Digital Natives“

Eine Gründergeneration, die zu 40 Prozent unter 30 Jahre alt ist und zu einem großen Teil aus dem Studium heraus gründet, ist mit Smartphones, Cloud-Diensten und Instant-Services aufgewachsen. Diese Klientel trennt bei der User Experience nicht zwischen privater Nutzung und geschäftlichen Anforderungen.

Wenn ein privates Konto in wenigen Minuten per App eröffnet werden kann, wird die tagelange Wartezeit auf ein Geschäftskonto oder ein Beratungsgespräch als anachronistisch wahrgenommen. Kreditinstitute müssen eine durchgängige, medienbruchfreie digitale Onboarding-Strecke für Firmenkunden anbieten, die von der Identifikation bis zur Bereitstellung der IBAN komplett automatisiert abläuft.

Kredite in Echtzeit für digitale Geschäftsmodelle

Da 44 Prozent der neuen Unternehmen auf digitalen Angeboten basieren, verändern sich auch die finanziellen Lebenszyklen und die benötigten Assets. Statt physischer Sicherheiten wie Maschinen, Fuhrparks oder Immobilien verfügen moderne Digital-Gründer oft nur über immaterielle Werte wie Softwarecode, Daten, Plattform-Algorithmen oder wiederkehrende SaaS-Umsätze (Software-as-a-Service).

Traditionelle Kreditprüfungsverfahren basierend auf historischen Bilanzen versagen hier. Banken benötigen Schnittstellen (APIs) zu den Buchhaltungs- und Shopsystemen der Gründer, um Bonitäten und Cashflows über KI-gestützte Echtzeit-Analysen (wie beim digitalen Kontoblick) auszuwerten. Wer als Bank nicht in der Lage ist, eine Finanzierung innerhalb von Stunden statt Wochen zuzusagen, verliert diese wachstumsstarke Kundengruppe an spezialisierte Fintechs und Debt-Fonds.

Das Phänomen „Side Hustle“ erfordert hybride Bankprodukte

Der massive Sprung bei den Nebenerwerbsgründungen (483.000 Fälle) zeigt, dass die Grenze zwischen Privatperson und Unternehmer fließend wird. Viele Gründer testen ihre Geschäftsidee zunächst als „Side Hustle“ parallel zum Angestelltenverhältnis.

Für Banken bedeutet dies, dass starre Trennungen zwischen Privatkunden- und Firmenkundensegmenten aufbrechen müssen. Gefragt sind intelligente Kontomodelle, die sich flexibel anpassen lassen – beispielsweise ein integriertes Unterkonto für die gewerbliche Tätigkeit inklusive automatisierter Steuerrücklagen-Bildung, ohne dass direkt die vollen Kosten und der bürokratische Aufwand eines klassischen Firmenkontos anfallen.

Beratung als digital gestütztes Premium-Produkt bei Nachfolgen

Während das Massengeschäft der Neugründungen hochgradig automatisiert ablaufen muss, erfordert das drängende Problem der Unternehmensnachfolge (die verbleibenden 14 Prozent derivative Gründungen) eine hochkompetente Beratungsleistung. Wenn junge Gründer etablierte Betriebe mit älteren Inhabern übernehmen, stehen Banken vor der Aufgabe, komplexe Übergabeprozesse, Bewertungen und Verkäuferdarlehen zu strukturieren. Auch hier entscheidet die digitale Exzellenz: Banken müssen Plattformen und Ökosysteme bereitstellen, die als digitale Marktplätze Angebot und Nachfrage bei Unternehmensnachfolgen zusammenbringen und den Prozess durch digitale Datenräume und Bewertungstools unterstützen.

Die Relevanz dieser Entwicklung für die Zukunft der deutschen Wirtschaft untermauert Schumacher in seinem Abschlussplädoyer:

„Es ist erfreulich, dass wieder mehr Menschen in Deutschland ein Unternehmen ganz neu gründen und damit womöglich eine innovative Geschäftsidee umsetzen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland benötigt kreative und mutige Unternehmerinnen und Unternehmer.“

Tatsache ist aber auch: Es gibt sehr viele gute Unternehmen, die eine neue Führung benötigen. Das Durchschnittsalter der Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland liegt bei über 54 Jahren. Viele von ihnen suchen händeringend nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Ein Umdenken ist dringend erforderlich: Nicht nur sollten sich noch mehr Menschen in Deutschland überlegen, zu gründen. Deutlich mehr sollten auch erwägen, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen.“

Kreditinstitute, die jetzt nicht massiv in ihre digitale Infrastruktur, in automatisierte Risikoanalysen und in die Qualifikation ihrer Berater für digitale Geschäftsmodelle investieren, laufen Gefahr, den Kontakt zur künftigen wirtschaftlichen Basis des Landes zu verlieren. Die Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts ist keine Option mehr, sondern eine Frage der zukünftigen Marktrelevanz.

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