ING sagt Verkauf der Russland-Tochter an Global Development JSC ab. Regulatorische Hürden blockieren den Exit, während die Bilanzsumme paradoxerweise wächst. Analyse eines festgefahrenen Rückzugs.

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Der geplante Rückzug der niederländischen ING Groep aus dem russischen Markt erleidet einen herben Rückschlag. Nachdem der Verkauf an einen lokalen Investor an regulatorischen Hürden zu scheitern droht, stellt sich das Institut auf einen langwierigen und kostspieligen Verbleib in der Sackgasse ein. Die Bilanzsumme wächst derweil paradoxerweise trotz operativem Rückzug.
Die Bemühungen europäischer Großbanken, ihre Zelte in Russland endgültig abzubrechen, gleichen immer mehr einem juristischen und regulatorischen Hindernislauf. Wie die ING am Dienstag mitteilte, wurde der bereits im Januar 2025 angekündigte Verkauf der russischen Tochtergesellschaft an die Global Development JSC offiziell abgesagt. Der Grund: Das Geldhaus rechnet nicht mehr damit, dass der Moskauer Käufer die erforderlichen Genehmigungen der russischen Behörden erhalten wird.
Damit verbleibt die ING in einem Zustand, den viele Wettbewerber – von der Raiffeisen Bank International bis zur UniCredit – nur zu gut kennen: Man will gehen, darf aber nicht, während die finanziellen Risiken in der Schwebe bleiben.
Der nun gescheiterte Deal war strategisch bereits eingepreist. Schon bei der Ankündigung Anfang 2025 hatte die ING eine Gewinnbelastung von rund 700 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Dass die Transaktion nun platzt, ändert an der finanziellen Schmerzgrenze wenig: Das Institut geht davon aus, dass jedes alternative Ausstiegsszenario in etwa die gleichen bilanziellen Auswirkungen haben wird wie die nun hinfällige Vereinbarung.
An der grundsätzlichen Strategie hält die Konzernspitze in Amsterdam jedoch unmissverständlich fest. Man sehe weiterhin keine Zukunft auf dem russischen Markt und konzentriere sich darauf, die Aktivitäten vollständig zu beenden. Seit der Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 habe man kein Neugeschäft mehr angenommen und arbeite mit Hochdruck daran, die lokalen Systeme technologisch und operativ vom restlichen ING-Netzwerk zu isolieren.
Die ING steht mit diesem Problem nicht allein. Der Kreml hat die Daumenschrauben für Exits westlicher Finanzinstitute sukzessive angezogen. Verkäufe an lokale Investoren bedürfen oft einer direkten Genehmigung auf höchster politischer Ebene, die häufig verweigert oder an drakonische Bedingungen geknüpft wird.
In Moskau beschäftigt die ING laut aktuellem Geschäftsbericht noch 239 Mitarbeiter. Während das operative Geschäft – gemessen am Kundenvolumen – bis Ende 2025 um fast 90 Prozent auf 600 Millionen Euro schrumpfte, zeigt die Bilanz eine andere, fast groteske Realität.
Trotz des radikalen Rückbaus der Aktivitäten stieg die Bilanzsumme der ING in Russland im vergangenen Jahr um 42 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro. Dieser Zuwachs ist jedoch kein Zeichen für neues Vertrauen oder Geschäftserfolg, sondern das Ergebnis externer Faktoren: Die extrem hohen lokalen Zinssätze der russischen Zentralbank und die Aufwertung des Rubels gegenüber dem Euro blähen die Zahlen künstlich auf.
Für die Führungsebene in Amsterdam bedeutet die Absage des Verkaufs vor allem eines: Management-Kapazitäten bleiben in einem Markt gebunden, den man längst abgeschrieben hat. Der „Clean Break“, auf den viele Investoren gehofft hatten, rückt damit in weite Ferne. Die ING wird nun gezwungen sein, neue, potenziell noch komplexere Wege für eine Entflechtung zu suchen, während das geopolitische Umfeld keine Anzeichen für eine Lockerung der regulatorischen Blockade in Moskau zeigt.

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