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Energiepreisschock treibt die Inflation in Europa weit über das Stabilitätsziel

Die Teuerung im Euroraum klettert im Oktober auf vier Prozent. Warum staatliche Tankrabatte die deutsche Inflationsrate künstlich verschleiern, Bundesbankchef Nagel auf eine Zinserhöhung im Dezember drängt und wie Lagardes angekündigter Abschied den künftigen Zinspfad verunsichert.

Harry Dörsam

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Harry Dörsam

Veröffentlicht am

5.11.26

um

10:53

Uhr

Energiepreisschock treibt die Inflation in Europa weit über das Stabilitätsziel

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Der Preisdruck im europäischen Währungsraum hat sich zu Beginn des vierten Quartals erneut spürbar verschärft. Nach einer ersten Schätzung des europäischen Statistikamts Eurostat stieg die jährliche Inflationsrate im Euroraum im Oktober auf 4,0 Prozent, nachdem sie im September bei 3,8 Prozent und im August noch bei 3,2 Prozent gelegen hatte. Damit verharrt die Teuerungsrate nunmehr seit über sechs Monaten deutlich oberhalb des mittelfristigen Stabilitätsziels der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2,0 Prozent. Getrieben wird der Anstieg vor allem von einer massiven Verteuerung im Energiesektor, während strukturelle Sondereffekte und staatliche Markteingriffe für ein zunehmend zersplittertes Inflationsbild zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten sorgen.

Energieschock treibt Teuerung während Basiseffekte die Kernrate stützen

Verantwortlich für den jüngsten Preissprung sind primär die internationalen Energiemärkte, die infolge des Krieges im Nahen Osten unter anhaltenden Angebotssorgen leiden. Auf Jahressicht verteuerte sich Energie im Euroraum signifikant um 20,8 Prozent. Bei Nahrungsmitteln fiel die Entwicklung mit einem moderaten Plus von 0,5 Prozent zwar statistisch unterdurchschnittlich aus, verbirgt jedoch erhebliche Divergenzen: Während eine anhaltende Milchschwemme die Molkereiprodukte verbilligte, zogen die Gemüsepreise infolge sommerlicher Ernteausfälle sowie hoher Gewächshaus- und Transportkosten empfindlich an.

Der Dienstleistungssektor verzeichnete derweil einen moderaten Preisanstieg von 3,3 Prozent. Die von volatilen Komponenten bereinigte Kerninflationsrate (die Teuerung ohne Energie, Lebens- und Genussmittel) verharrte stabil bei 2,5 Prozent. Ökonomen werten diese Stabilität als Indiz dafür, dass sich der Energieschock bislang noch nicht flächendeckend in eine breite Lohn-Preis-Spirale übersetzt hat, wenngleich Unternehmen zunehmend versuchen, die explodierenden Inputkosten über die Endverbraucherpreise abzufedern.

Deutsche Beruhigung durch Tankrabatt und tiefe Gräben im Währungsraum

Hinter dem aggregierten Durchschnitt verbergen sich gravierende nationale Unterschiede. In Deutschland bremste die Bundesregierung den statistischen Anstieg durch den zum 1. Oktober eingeführten Tankrabatt künstlich ab: Der für europäische Vergleiche maßgebliche Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) lag für die Bundesrepublik bei vergleichsweise moderaten 2,8 Prozent. Nach Berechnungen von Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg, dämpfte allein die fiskalische Benzinsubvention die deutsche Jahresrate um rund 0,3 Prozentpunkte.

In den Nachbarländern zeigt sich ein deutlich ungeschminkteres Bild. In Frankreich sprang die Teuerungsrate von 3,4 auf 3,8 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Ende 2023. Während die Inflationsraten in Spanien mit 4,9 Prozent und in Österreich mit 3,5 Prozent marginal nachgaben, markieren die baltischen und osteuropäischen Staaten die Spitze des Preisdrucks: Litauen meldete mit 6,1 Prozent und Bulgarien mit 6,0 Prozent die höchsten Werte der Eurozone. Am anderen Ende des Spektrums rangiert Malta mit 2,3 Prozent, wo die Spritpreise über dauerhafte staatliche Stützungsmaßnahmen fest eingefroren sind.

Nagel pocht auf Zinswende vor dem Frankfurter Chefwechsel

Vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Inflationsdynamik steigt der Handlungsdruck auf den EZB-Rat vor der letzten geldpolitischen Sitzung des Jahres am 17. Dezember. Hatten sich die Währungshüter im Oktober noch auf eine Zinspause verständigt, positionieren sich die Falken im Notenbankrat nun unmissverständlich für eine Straffung. Bundesbankpräsident Joachim Nagel bezeichnete einen Zinsschritt am Dienstagabend in Berlin als sehr wahrscheinlich notwendig. Zwar gebe es bislang nur wenige Belege für aggressive Zweitrundeneffekte bei den Tariflöhnen, doch der Inflationsausblick habe sich merklich eingetrübt. Bereits nach der vergangenen Ratssitzung hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde signalisiert, dass die Tendenz für Dezember ohne unvorhersehbare Marktverwerfungen klar nach oben weise – was auf eine Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent hinausläuft.

Der geldpolitische Pfad für das Frühjahr 2027 bleibt unter den Notenbankern und Marktbeobachtern hingegen stark umstritten. Zwar erwarten Volkswirte, dass die statistischen Basiseffekte des Energieschocks im Jahresverlauf technisch aus den Jahresraten herauswachsen könnten, doch drohende Lohnerhöhungen und anhaltende geopolitische Unsicherheiten bergen erhebliche Aufwärtsrisiken. Erschwert wird die Zinsplanung durch ein institutionelles Machtvakuum: Lagarde wird die Ratsentscheidungen im Dezember sowie Anfang Februar leiten, bevor sie ihr Amt am 7. Februar 2027 vorzeitig niederlegt. Ob die EZB den Zinszyklus im März 2027 weiter forciert, wird damit maßgeblich davon abhängen, wer die Nachfolge an der Notenbankspitze antritt und wie entschlossen die neue Führung die geldpolitische Linie gegen das Inflationsfeuer verteidigt.

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