Regulatorik
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Brüsseler Kehrtwende beim Finanzdatengesetz FIDA stoppt die Open-Finance-Revolution

Die EU-Kommission will mit dem Rückzug des Finanzdatengesetzes FIDA die verpflichtende Öffnung von Bank- und Versicherungsdaten stoppen. Was hinter dem Brüsseler Kurswechsel steckt und wie die Verbände der Kreditwirtschaft und der Versicherer ihn bewerten.

Anja Amend

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Anja Amend

Veröffentlicht am

4.11.26

um

16:13

Uhr

Brüsseler Kehrtwende beim Finanzdatengesetz FIDA stoppt die Open-Finance-Revolution

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Die Europäische Kommission vollzieht in ihrer Digital- und Finanzmarktpolitik eine bemerkenswerte Wende. Im Arbeitsprogramm für das Jahr 2027, das am 4. November veröffentlicht wurde, kündigte die Brüsseler Behörde an, ihren Legislativvorschlag für den Zugang zu Finanzdaten (Financial Data Access, kurz FIDA) zurückzuziehen. Nach Medienberichten soll der formale Rückzug innerhalb von sechs Monaten erfolgen, zusammen mit dem Vorschlag für eine europäische Einlagensicherung (EDIS).

Das Gesetzesvorhaben galt als europäisches Vorzeigeprojekt, um nach dem Zahlungsverkehr nun auch weitere Teile des Finanzlebens in die Ära von "Open Finance" zu führen. Während Banken- und Versicherungsverbände den Rückzug ausdrücklich begrüßen, lagen Reaktionen aus der Fintech-Branche bis Redaktionsschluss nicht vor.

Vom Hoffnungsträger Open Finance zum regulatorischen Rückbau

Um die Tragweite des Beschlusses zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des FIDA-Entwurfs. Nachdem die europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 vor einigen Jahren die Banken dazu verpflichtet hatte, Zahlungskontodaten über Programmierschnittstellen (APIs) für lizenzierte Drittanbieter zu öffnen, sollte FIDA diesen Grundgedanken auf nahezu das gesamte Finanzleben der Bürger ausweiten. Geplant war, dass Verbraucher per Mausklick Drittanbietern den Zugriff auf ihre Daten zu Spar- und Wertpapierdepots, Krediten, betrieblichen und privaten Altersvorsorgeverträgen sowie Sachversicherungen gestatten können.

Die Kommission versprach sich davon mehr Transparenz, einen erleichterten Wechsel zwischen Anbietern und das Entstehen volldigitaler Finanz-Cockpits, in denen automatisierte Beratung und Vermögensanalysen zusammenlaufen. Für die europäische Fintech-Branche war FIDA das zentrale Fundament, um der traditionellen Finanzindustrie im lukrativen Vorsorge- und Anlagegeschäft Paroli zu bieten. Der angekündigte Rückzug beendet diese regulatorisch erzwungene Öffnung und fügt sich in den aktuellen Kurs der Kommission ein, unter dem Leitmotiv der europäischen Wettbewerbsfähigkeit bürokratische Lasten für die Wirtschaft abzubauen.

Neu ist die Debatte nicht: Schon im Februar 2025 stand FIDA in einem Entwurf des Arbeitsprogramms auf der Streichliste, blieb im finalen Programm dann aber als anhängiger Vorschlag erhalten.

Banken und Versicherer sehen Gefahr durch außereuropäische Großkonzerne

Die Spitzenverbände der deutschen Kredit- und Versicherungswirtschaft begrüßten die Entscheidung umgehend. In ihren Stellungnahmen betonen sie vor allem Gefahren für die digitale Souveränität Europas. Tanja Müller-Ziegler, Vorstandsmitglied beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), sagt:

"Europäische digitale Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten zu reduzieren, nicht neue zu schaffen. FIDA hätte großen außereuropäischen Tech-Konzernen die Tür zu europäischen Finanzdaten geöffnet. Deshalb ist der Rückzug konsequent und richtig."

Der BVR hält zugleich das Ziel einer wettbewerbsfähigen europäischen Datenwirtschaft und eines sicheren, kundenzentrierten Datenaustauschs weiter für gültig. Als Beispiel für marktgetriebene Lösungen nennt der Verband die giroAPI der Deutschen Kreditwirtschaft, die europäische Standards für den sicheren Datenaustausch schaffe.

Ähnlich fällt das Urteil der Versicherungswirtschaft aus. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sagt:

"Gut, dass die Kommission bei FIDA die Reißleine zieht."

Teure „Datenautobahnen“ vorzuschreiben, nach denen kein Kunde gefragt habe, bringe Europa nicht voran. Die Finanzdaten europäischer Verbraucher dürften zudem „den großen Plattformen außerhalb Europas nicht auf einem Silbertablett serviert werden“. Nach Darstellung des GDV hätte FIDA erhebliche Ressourcen für neue Schnittstellen, Datensysteme und Dashboards gebunden, die stattdessen in Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit fließen sollten.

Berechtigte Schutzbedenken oder Verteidigung des eigenen Kundenmonopols

Die Argumentation der Verbände spiegelt reale Sorgen wider, greift analytisch jedoch nur einen Teil der Gemengelage auf. Zwar birgt die Verknüpfung granularer Finanz-, Vorsorge- und Versicherungsdaten unbestreitbar datenschutzrechtliche Risiken, falls globale Plattformbetreiber die Schnittstellen nutzen, um ihr Profiling zu verfeinern. Andererseits könnte das Argument der US-Tech-Riesen den etablierten Häusern auch dazu dienen, den Verlust des eigenen Kundenmonopols abzuwenden.

Die traditionellen Institute haben ein wirtschaftliches Interesse daran, die Schnittstelle zum Kunden und die Hoheit über dessen Verträge nicht an agile, kostengünstigere Konkurrenten zu verlieren. Indem die Pflicht zur Bereitstellung standardisierter Datenströme entfällt, bleibt der Aufwand für Verbraucher hoch, ihre Anlagen über verschiedene Institutsgrenzen hinweg unabhängig zu vergleichen oder zu konsolidieren. Für Fintechs bedeutet der Brüsseler Kurswechsel, dass sie weiterhin auf proprietäre Einzellösungen oder das Wohlwollen der Platzhirsche angewiesen sind.

Spar- und Investitionsunion rückt als Hebel für weiteren Bürokratieabbau in den Fokus

Für den Versicherungsverband GDV soll der Stopp von FIDA erst der Anfang sein. Mit Blick auf das Vorhaben der Europäischen Union, die Kapitalmärkte über die sogenannte Spar- und Investitionsunion zu vertiefen, drängen die Versicherer auf ein deutlich entschlosseneres Vorgehen. Die Kommission sei hier zu zaghaft, die Versicherer als größter institutioneller Investor Europas sollten stärker eingebunden werden, um privates Kapital für Wachstum und Transformation zu mobilisieren.

Der GDV fordert die Kommission außerdem auf, einfachere Regeln für den gesamten Finanzsektor zu schaffen und spätestens zur Halbzeitbilanz der Spar- und Investitionsunion im zweiten Quartal 2027 einen sogenannten Financial Services Omnibus vorzulegen. Die Kommission selbst plant nach dem Arbeitsprogramm für das erste Quartal 2027 einen „Omnibus on bank financing – competitiveness and simplification“ sowie ein Paket zur Vereinfachung und Wettbewerbsfähigkeit im Bankensektor.

Quelle: Europäische Kommission, Arbeitsprogramm 2027

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