Die genossenschaftliche Finanzgruppe bündelt unter dem Projektnamen „United“ ihre Marketing-Töchter Truuco, VR-Networld und Teile von DG Nexolution zu einem zentralen Dienstleister. Dieser radikale Konsolidierungskurs soll die ineffiziente digitale Kleinstaaterei der rund 700 Primärbanken beenden.

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In der genossenschaftlichen Finanzwelt hat ein tiefgreifender Umbau begonnen, der die bisherige Struktur des digitalen Vertriebs grundlegend verändern wird. Unter dem Projektnamen „United“ arbeitet die Gruppe mit Hochdruck daran, ihre verstreuten Marketing-Dienstleister Truuco, VR-Networld und wesentliche Teile von DG Nexolution zu einem einzigen, schlagkräftigen Anbieter zu verschmelzen.
Giovanni Gay, Vorstandsmitglied des genossenschaftlichen Fondsdienstleisters Union Investment und Leiter des Projekts, verdeutlichte die Dringlichkeit dieses Vorhabens jüngst vor Vertretern kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken. Das Vorhaben ist eingebettet in die übergeordnete Strategie „Marketingziele 2030“ und wurde vom Fachrat Markt und Produkte des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in Auftrag gegeben, wobei sich der Verband selbst derzeit noch bedeckt hält.
Der Kern des Projekts „United“ liegt in der Überwindung einer gefährlichen Ineffizienz, die durch die rechtliche Selbstständigkeit der rund 700 Primärbanken befeuert wurde. Bisher sahen sich die einzelnen Institute oft gezwungen, Marketingdienstleistungen und digitale Vertriebstools bei unterschiedlichen Anbietern innerhalb der Gruppe separat anzufragen, was zu einem unübersichtlichen und langsamen Prozess führte.
Gay betonte, dass es künftig nicht mehr notwendig sein dürfe, drei verschiedene Partner zu koordinieren, sondern dass ein einziger, zentraler Partner als Schnittstelle fungieren müsse. Diese Bündelung soll Skaleneffekte freisetzen, die es den lokalen Banken ermöglichen, professionelles Digitalmarketing im Finanzbereich auf einem Niveau zu betreiben, das in lokaler Eigenregie weder finanziell noch personell darstellbar wäre. Es geht darum, die immense regionale Präsenz der Volksbanken endlich mit einer zentral gesteuerten, digitalen Schlagkraft zu verknüpfen, die keine internen Reibungsverluste mehr zulässt.
Ein entscheidender Baustein in dieser neuen Allianz ist das Unternehmen Truuco, das erst vor etwa drei Jahren unter Beteiligung von Union Investment und dem zentralen IT-Dienstleister Atruvia ins Leben gerufen wurde. Truuco wurde mit dem klaren Ziel gegründet, Kundendaten innerhalb der Gruppe effizienter auszuwerten, sah sich jedoch in der Vergangenheit mit langwierigen datenschutzrechtlichen Auseinandersetzungen in Niedersachsen konfrontiert.
Im Rahmen von „United“ soll diese Datenkompetenz nun voll zum Tragen kommen, um Kunden auf digitalem Weg deutlich gezielter ansprechen zu können. Als konkretes Anwendungsbeispiel nannte Giovanni Gay den optimierten Vertrieb für Produkte der geplanten Frühstart-Rente, bei dem eine präzise Identifikation potenzieller Interessenten über digitale Kanäle den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen soll. Die Zusammenführung der Kompetenzen von Truuco mit der Reichweite von VR-Networld und DG Nexolution markiert somit den Übergang von einem eher passiven zu einem proaktiven, datengesteuerten Vertriebsmodell.
Die Notwendigkeit für diesen radikalen Umbau wird durch den massiven Druck verschärft, unter dem die Volks- und Raiffeisenbanken bei jungen Zielgruppen stehen. Während Neobroker durch extrem vereinfachte Prozesse und moderne Nutzeroberflächen eine ganze Generation an Anlegern für sich gewinnen konnten, wirken die traditionellen Strukturen der Genossenschaftsbanken oft zu komplex und wenig zeitgemäß.
Besonders besorgniserregend ist für die Gruppe die Entwicklung beim größten Konkurrenten: Die Sparkassen-Finanzgruppe steht kurz vor dem Start eines vereinfachten Wertpapierhandels direkt innerhalb ihrer eigenen App und hat damit den technologischen Vorsprung gegenüber den Volksbanken weiter ausgebaut. Die genossenschaftliche Antwort darauf, das Projekt „Zuwachs“ – ein geplantes digitales Wertpapierangebot von DZ Bank und Union Investment –, befindet sich hingegen noch in einem frühen Stadium, und eine finale Entscheidung über die Umsetzung ist bislang nicht gefallen.
Die Fusion der Marketingfirmen unter dem Dach von „United“ ist für die Volksbanken kein optionales Projekt, sondern eine Überlebensstrategie im digitalen Zeitalter. Die bisherige „Kleinstaaterei“ im Marketing hat dazu geführt, dass wertvolle Ressourcen in parallelen Strukturen verbrannt wurden, während die Konkurrenz am Markt vorbeizog.
Gelingt es Gay und seinem Team, die unterschiedlichen Kulturen und technologischen Ansätze von Truuco und den etablierten Dienstleistern zu einer echten Einheit zu verschmelzen, könnte dies die dringend benötigte Wende im Kampf um die junge Kundschaft einleiten.
Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Trägheit des Systems: Solange strategische Antworten wie das Wertpapierprojekt „Zuwachs“ auf sich warten lassen, nützt auch das effizienteste Marketing wenig. Die Volksbanken müssen beweisen, dass sie nicht nur Firmen zusammenlegen, sondern auch die Geschwindigkeit ihrer Produktentwicklung an die Erwartungen einer Generation anpassen können, für die Banking nur noch auf dem Smartphone stattfindet.

Deutschlands größte rote Sparkasse setzt ein Ausrufezeichen: Die Haspa steigert ihren Jahresüberschuss auf 150 Millionen Euro und gewinnt netto 42.000 neue „Joker“-Konten. Während Großbanken die Fläche verlassen, setzt Hamburgs Marktführer auf das dichteste Filialnetz der Region und eine Rekordnachfrage nach Gold und Aktiensparplänen.