Beratung 2030: Wie das Schnellboot der Deutschen Bank den Markt für selbstständige Berater neu definiert

Die Deutsche Bank setzt im Privatkundengeschäft auf ihre drei mobilen Vertriebe: Deutsche Bank Finanzberatung, Postbank Finanzberatung und Deutsche Bank Immobilien. Mathias Lüdtke-Handjery über das Zusammenspiel von technischer Innovation und persönlicher Beratung sowie die Potenziale des Marktes im Generationenwechsel.

Anja Amend

Ein Beitrag von

Anja Amend

Veröffentlicht am

12.5.26

Der Finanzsektor erlebt derzeit eine fundamentale Rekonfiguration der Kunden-Schnittstelle. Während die physische Präsenz in der Fläche durch die Transformation der Filialnetze eine neue Rolle findet, rückt die individuelle, ortsunabhängige und hochspezialisierte Beratung in den Fokus der Wertschöpfung. Für Mathias Lüdtke-Handjery ist dies kein defensiver Prozess, sondern eine gezielte Expansion der Beratungsqualität. Durch die Bündelung der Kompetenzen unter einem gemeinsamen technologischen Dach schafft die Deutsche Bank ein Ökosystem, das Geschwindigkeit und Skalierbarkeit vereint. Das Ziel: Den Berater durch technologische Exzellenz von administrativen Lasten zu befreien, um ihn als zentralen Vertrauensanker beim Kunden zu stärken.

Herr Lüdtke-Handjery, wenn man die aktuellen Marktbewegungen analysiert, wirken  die mobilen Vertriebe oft wie das dynamische Korrektiv zu den etablierten Bankstrukturen. Innerhalb des Konzerns nutzen Sie oft das Bild des „Schnellboots“. Wie füllen Sie diesen Begriff strategisch mit Leben, insbesondere mit Blick auf die Attraktivität für Top-Berater?

Das Bild des Schnellboots ist für eine griffige Metapher: es ist unsere operative Grundvoraussetzung. In einem global agierenden Konzern wie der Deutschen Bank gibt es naturgemäß komplexe Prozesse. Unsere Einheiten sind jedoch so aufgestellt, dass wir innerhalb dieses Rahmens eine große Eigenständigkeit bewahren. Wir können Entscheidungswege kürzer halten und Innovationen mit einer Geschwindigkeit pilotieren, die im Vergleich zu klassischen Linienorganisationen wesentlich schneller ist.

„Wir haben uns immer so ein bisschen als Schnellboot in der Privatkundenbank der Deutschen Bank gesehen. Das gibt uns die nötige Agilität, um auf Marktveränderungen schneller zu reagieren als klassische Linienstrukturen.“

Für den Berater, der heute unternehmerisch denkt, ist das ein entscheidender Standortvorteil. Er arbeitet in einem Umfeld, das nicht nur die Sicherheit und die Reputation einer Weltbank bietet, sondern profitiert auch von der Möglichkeit, Innovationen der Bank individuell in sein Geschäftsmodell zu integrieren. Wenn wir etwa neue Tools für die Baufinanzierung einführen oder mobile Schnittstellen für die Immobilienvermittlung optimieren, dann geschieht das in Zyklen, die direkt auf die Produktivität unserer Partner einzahlen. Wir bieten also eine Plattform, auf die der Berater als Unternehmer wachsen kann.

Ein wesentlicher Teil dieser Plattform-Strategie ist die technologische Offenheit. Die Deutsche Bank kooperiert eng mit Global Playern wie Google und Apple. Wie tief greift diese Verzahnung in den eigentlichen Beratungsprozess ein? Geht es hier um mehr als nur moderne Endgeräte?

Es geht um eine wirkliche Neugestaltung der Interaktion. Wir betrachten Technologie nicht als Beiwerk, sondern als den zentralen Schlüssel für Beratungsexzellenz. Die Zusammenarbeit mit Partnern wie beispielsweise Google erlaubt es uns, Anwendungen zu entwickeln, die die Barrieren zwischen digitaler Welt und persönlichem Gespräch auflösen.

Der Berater von heute muss mobil sein, aber er darf technologisch niemals „allein“ sein. Die Cloud-Infrastruktur sorgt dafür, dass er die gesamte Power der Bank in der Aktentasche trägt. Das ist der Standard, den Top-Talente heute erwarten, wenn sie sich für ein Vertriebsmodell entscheiden.

Ein Thema, das die Branche derzeit spaltet, ist Künstliche Intelligenz. Während die einen Effizienzgewinne feiern, fürchten andere den Verlust der menschlichen Bindung. Sie setzen massiv auf den „KI-Co-Piloten“. Wird der Berater dadurch nicht schrittweise zum reinen Erfüllungsgehilfen eines Algorithmus?

Diese Sorge beruht auf einem Missverständnis darüber, was KI im Finanzsektor leisten kann und soll. Unsere Vision ist  konsequent kundenorientiert: Die KI ist dazu da, den Berater von allem zu befreien, was nicht direkt mit der Lösung des Kundenproblems zu tun hat. Wir sprechen hier von der Automatisierung von Routineaufgaben, der Vorbereitung von Unterlagen und der lückenlosen Einhaltung regulatorischer Standards im Hintergrund. In der nächsten Ausbaustufe wird die KI tatsächlich zum aktiven Coach. Stellen Sie sich vor, das System erkennt während eines Gesprächs Nuancen, die ein Mensch vielleicht übersieht. Die KI kann den Berater dezent darauf hinweisen, dass Themen wie Absicherung oder Vorsorge gerade eine neue Relevanz bekommen könnten. Das ist keine Entmündigung, sondern eine enorme Steigerung der Aufmerksamkeit.

„KI wird niemals die persönliche Beziehung und das Vertrauen ersetzen können, das in komplexen Finanzfragen entscheidend ist. Der Berater bleibt der emotionale Anker.“

Am Ende des Tages wird niemand eine lebensverändernde Entscheidung wie eine Baufinanzierung allein mit einem Chatbot treffen wollen. Menschen brauchen Bestätigung, Empathie und ein Gegenüber, das die Verantwortung übernimmt. Die Technik schafft den Raum, damit dieser menschliche Faktor wieder ins Zentrum rückt.

Sie decken mit Ihren Experten (unter anderem) die gesamte Wertschöpfungskette rund um die Immobilie ab – von der Vermittlung über die Finanzierung bis zur Absicherung. Wie entscheidend ist dieser ganzheitliche Ansatz für den Markterfolg Ihrer Berater?

Das ist ein sehr entscheidender strategischer Hebel. Wir sehen uns nicht als reiner Produktvermittler, sondern als Begleiter über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie hinweg. Wenn ein Kunde über uns eine Immobilie sucht, landet er nicht bei irgendeinem Makler, sondern in einem Ökosystem, das sofort alle anderen Bedarfe mitdenkt.

Für unsere Berater bedeutet das: Sie haben Zugang zu Leads und Informationen, die ein isoliert arbeitender Finanzvermittler niemals hätte. Diese interne Vernetzung zwischen Immobilienexperten und Finanzierungs- und Anlagespezialisten schafft eine Win-Win-Situation, die am Markt ihresgleichen sucht. Es erhöht die Abschlusswahrscheinlichkeit und vor allem die Kundenzufriedenheit, weil alles aus einer Hand kommt.

Lassen Sie uns über das Recruiting sprechen. Der „War for Talents“ tobt. Wonach suchen Sie bei einem Berater, der in das „Schnellboot“ einsteigen will? Ist es eher das Bank-Know-how oder der unternehmerische Spirit?

Wir suchen Persönlichkeiten, keine reinen Lebensläufe. Natürlich ist fachliche Expertise die Basis. Was aber ein Top-Talent bei uns ausmacht, ist die unternehmerische Neugier. Wir brauchen Menschen, die Lust darauf haben, ihr eigenes Business innerhalb unseres Netzwerks zu skalieren.

Wir investieren viel in die Ausbildung, gerade für Quereinsteiger oder junge Talente - doch der Wille, die Extrameile für den Kunden zu gehen, muss vorhanden sein. Wir bieten die Plattform und die Werkzeuge, aber den Motor müssen die Berater selbst mitbringen. Wer die Freiheit der Selbstständigkeit sucht und dabei nicht auf den Rückenwind durcheine starke Marke verzichten will, ist bei uns genau richtig.

Ein besonders strategisches Thema ist der Generationenwechsel. Die Branche altert, und viele Beraterpersönlichkeiten stehen vor der Frage: Was wird aus meinem Lebenswerk? Wie moderieren Sie diesen „Marktplatz der Chancen“?

Das ist eines unserer zentralen Zukunftsthemen. Wir beobachten am Markt eine enorme Dynamik: Erfahrene Berater mit erstklassigen Kundenbeziehungen suchen nach einer nachhaltigen Nachfolgelösung.

„Es gibt aktuell einen richtigen Marktplatz für den Generationenwechsel in der Finanzberatung – viele etablierte Unternehmer suchen Nachfolger für ihre Bestände.“

Wir fungieren hier als aktiver Matchmaker und Prozessbegleiter. Wir bringen diese „Senioren“ mit jungen, Talenten zusammen, die wir gezielt auf diese Rollen vorbereiten. Das ist ein Win-Win-Szenario par excellence: Der ausscheidende Berater weiß seine Kunden in guten Händen. Der Nachfolger wiederum startet nicht bei Null, sondern übernimmt ein profitables Geschäft.

Zum Abschluss, Herr Lüdtke-Handjery: Wenn wir uns im Jahr 2030 wieder unterhalten – was wird dann das entscheidende Merkmal sein, das die  mobilen Vertriebe der Deutschen Bank vom restlichen Markt abhebt?

Im Jahr 2030 werden “digital” und “persönlich” noch sehr viel stärker Hand in Hand gehen als heute. Mein „Nordstern“ ist die totale administrative Freiheit unserer Partner gepaart mit technologischer Exzellenz. Der perfekte Arbeitstag eines Beraters im Jahr 2030 sieht so aus:

Er wird durch seinen KI-Co-Piloten perfekt durch den Tag geleitet, alle Routineaufgaben laufen vollautomatisiert im Hintergrund ab. Der Berater kann seine gesamte Zeit dafür nutzen, als strategischer Begleiter für seine Kunden zu fungieren. Wir werden die Produktivität so erhöht haben, dass unsere Partner wirtschaftlich noch erfolgreicher sind als heute, während sie gleichzeitig eine Flexibilität genießen, die das Modell der Selbstständigkeit so attraktiv macht. Wir wollen technologisch ganz vorne mitspielen, eben damit unsere Berater menschlich unersetzbar bleiben. Und hier bin ich sehr zuversichtlich, dass uns das bis 2030 gelingen wird.

Mathias Lüdtke-Handjery

Mathias Lüdtke-Handjery ist seit 1997 in verschiedenen Schlüsselpositionen für die Deutsche Bank tätig. Nach einer umfassenden Laufbahn im stationären Bankgeschäft und strategischen Rollen im Frankfurter Headquarter wechselte er 2014 konsequent in den Bereich der mobilen Vertriebe. Seit rund drei Jahren verantwortet er als Leiter der mobilen Vertriebe die strategische Ausrichtung der Einheiten Deutsche Bank Finanzberatung, Postbank Finanzberatung sowie Deutsche Bank Immobilien. Unter der gemeinsamen Führung von Mathias Lüdtke-Handjery und Florian Schüler agiert ein bundesweites Netzwerk von rund 3.500 selbstständigen Partnern, unterstützt von einem spezialisierten Management-Team.