INTERVIEW

Europa ist kein Wachstumschampion, aber ein Stabilitätsanker

Europa als Stabilitätsanker 2026: Während die USA mit Inflationsrisiken und Wachstumsdämpfern kämpfen, punktet Europa durch fiskalische Konvergenz und Konsumreserven. Marc Brütsch (Swiss Life AM) analysiert, warum der Standort Europa für Investoren jetzt wieder zur verlässlichen Alternative wird.

Jan Döhler

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Jan Döhler

Veröffentlicht am

25.2.26

Wer derzeit die Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse verfolgt, bekommt ein düsteres Bild vom Standort Europa und seinen Perspektiven geboten: geopolitisch zerrieben zwischen drei Fronten, wachstumsschwach, politisch zerstritten, technologisch abgehängt. Marc Brütsch, Chefökonom bei Swiss Life Asset Managers, macht mit seiner Analyse den Europäern wieder Mut: Europa sei zwar nicht der Wachstumschampion, aber ein Stabilitätsanker – auch und gerade im Vergleich zu den USA.

Denn in den Vereinigten Staaten sind die Aussichten Brütsch und seinem Team zufolge nicht besonders rosig: Zwar habe Dynamik der US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren Europa deutlich übertroffen. Aber schon 2025 habe sich eine Abschwächung abgezeichnet, die in diesem Jahr noch spürbarer werden dürfte. Der Abstand verkürzt sich somit.

Makroökonomische Risiken belasten US-Perspektiven

Schwerer wiegen allerdings die makroökonomischen Risiken in den USA, allen voran die (auch innenpolitisch wichtige) Inflationsentwicklung. Die Ökonomen von Swiss Life Asset Managers, der Tochter des Schweizer Versicherungsriesen Swiss Life, erwarten, dass sich die Inflationsraten in den USA im Jahresverlauf 2026 wieder auf mehr als drei Prozent einpendeln dürften, getrieben von der US-Zollpolitik und nachlaufenden statistischen Effekten.

Die US-Notenbank FED indes wird wenig Neigung zeigen, mit steigenden Zinsen die Inflation im Zaum zu halten – stattdessen sei eher mit Zinssenkungen zu rechnen. Das würde zwar stabilisierend auf Konjunktur und Arbeitsmarkt (und die Refinanzierungskosten des US-Haushalts) wirken, aber gleichzeitig Öl ins Inflationsfeuer gießen.

Gerade am US-Arbeitsmarkt beobachten Brütsch und sein Team Ermüdungserscheinungen, die sich in Kombination mit höheren Preisen dämpfend auf die Binnenkonjunktur auswirken dürften. Kurzum: Eine Rezession in den USA erwarten die Schweizer zwar nicht, aber eben ein gedämpftes Wachstum bei gewachsenen makroökonomischen Risiken.

Europas Verbraucher könnten die Konjunktur beleben

Im Vergleich dazu schneidet Europa zwar immer noch weniger dynamisch, aber stabiler und verlässlicher ab. Gerade für Deutschland ist Swiss Life Asset Managers vergleichsweise optimistisch. Die Wirtschaft werde mit 0,9 Prozent wieder moderat expandieren. Große Erwartungen liegen dabei auf dem privaten Konsum, so Brütsch. Die Reallöhne seien 2025 wieder merklich gestiegen. Vor allem attestiert der renommierte Schweizer Ökonom den deutschen Privathaushalten noch immer eine im historischen Vergleich hohe Sparneigung, die Abweichung betrage ca. 1,0 Prozent des BIP – für Brütsch eine „Konsumreserve“, die das BIP-Wachstum beleben könnte, flösse sie zurück in den Konsum.

Auch die voraussichtlich weitgehend stabile Zinssituation sowie die angekündigte expansivere Fiskalpolitik von Deutschland und anderen europäischen Ländern verbucht Swiss Life Asset Managers auf der Habenseite Europas. Allerdings bedeute ein zyklischer Aufschwung in Europa keine Entwarnung vor strukturellen Herausforderungen wie Demografie, Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und den Wandel am Arbeitsmarkt durch K.I.

Der europäische Währungsraum rückt wieder zusammen

Im gesamteuropäischen Kontext ist den Ökonomen von Swiss Life Asset Managers noch etwas aufgefallen, das zunächst überraschend klingt: eine stärkere Konvergenz innerhalb der Eurozone. Während die traditionell eher expansiven südeuropäischen Länder zuletzt fiskalische Disziplin gezeigt haben, haben viele Länder im Norden (nicht zuletzt Deutschland) die fiskalpolitischen Schrauben eher gelockert. Die Folge ist eine Annäherung bei Schuldenquoten und Zinsaufschlägen, also ein Rückgang der Spreads bei den Staatsanleihen. Für Brütsch und sein Team stellt diese Entwicklung einen strukturellen Fortschritt in Europa dar: Die Konvergenz innerhalb der Eurozone sei seit der Staatsschuldenkrise nicht mehr so groß gewesen. Hinzu kommt die aktuelle Diskussion über die weitere Emission gemeinschaftlicher Anleihen.

Insgesamt habe sich jedoch die Wahrnehmung von Staatsanleihen als risikolose Kapitalanlage unter Investoren verändert. Insbesondere für US-Staatsanleihen gelte ihr Nimbus als sicherer Hafen nur noch eingeschränkt. Das ist aus Sicht von Swiss Life Asset Managers eine gute Nachricht für die Attraktivität von Sachwert-Investments, deren Rendite-Risiko-Profile im Vergleich zu anderen Assetklassen wieder wettbewerbsfähiger erscheinen – insbesondere am Stabilitätsstandort Europa. Dabei steht weniger die Erwartung einer erneuten Renditekompression von Real Assets wie zur Zeit der Nullzinsphase im Euroraum im Vordergrund als vielmehr die Fähigkeit, verlässliche Cashflows zu generieren und aktive Wertsteigerungsstrategien zu verfolgen.

Das Fazit der Schweizer Ökonomen: In einer geopolitisch fragmentierten Welt rücke Europa zunehmend in den Fokus internationaler Investoren. Kapital aus Asien, Nordamerika und dem Nahen Osten suche stabile Institutionen, verlässliche Regulierung und planbare Rahmenbedingungen. Swiss Life Asset Managers zeichnet damit ein vorsichtig optimistisches Bild für das europäische Investmentumfeld im Jahr 2026: Europa ist kein Wachstumschampion, aber ein Stabilitätsanker. Für Investoren, die in einem unsicheren Umfeld Orientierung suchen, werde genau diese Eigenschaft zum entscheidenden Vorteil.

Marc Brütsch

Nach Abschluss seines Studiums der Volkswirtschaftslehre und der Publizistikwissenschaften an der Universität Zürich im Jahre 1993 stiess er zu Swiss Life. Seit März 2000 bekleidet er die Funktion des Chief Economist. Zwei Auslandaufenthalte führten ihn 1996/1997 nach England und 2022/2023 nach Frankreich.

Marc Brütsch ist seit 2006 Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung von Swiss Life Asset Managers.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit sitzt er in zwei Geschäftsleitenden Ausschüssen an der Universität St. Gallen (Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics sowie Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie).